Überlegungen zur Leine

Entmythologisierung eines Allheilmittels oder "Binden statt ANbinden"

Leine

Leinenzwang - eine trügerische Sicherheit!
aboutpixel.de - Walter Christ

Der Anblick eines angeleinten Hundes ist für uns so sehr Routine, dass sich kaum einer mehr nach der Sinnhaftigkeit dieses Hilfsmittels fragt. Kleine Kinder (meist ohne eigenen Hund) zeichnen einen Hund ganz selbstverständlich mit Leine, auch wenn sie niemand hält - wir wachsen auf mit diesem Bild, so dass wir tief im Inneren zu spüren glauben, dass eine Leine so fest zum Hund gehört wie dessen Pfoten und sein wedelnder Schwanz. Ein leinenloser Hund wird oft als grundsätzlich unkontrollierbar und sogar gefährlich empfunden - aus meiner Sicht ein Erfolg der Politik, nicht des Verstandes.

Ich schicke mich nun an, dieses Bild ein wenig zu differenzieren und den Mythos der absoluten Sicherheit durch die Leine für Hund und Mitmenschen kritisch zu durchleuchten und das Prinzip Leine einmal von vorn bis hinten in Frage zu stellen und zu unterscheiden, wann uns durch sie ein Vorteil und wann uns ein Nachteil entsteht.

Erst einmal vorweg: es gibt sicherlich Situationen, in denen eine Leine ein sinnvolles Hilfsmittel sein kann. Obwohl ich in der Diskussion um den Leinenzwang manchmal gern scherzhaft einwende, dass ich ein Leinenverbot für sicherer halte als einen Leinenzwang, meine ich das natürlich nicht wörtlich. Hunde, Menschen und ihre Beziehungen sind so vielfältig, dass es sicherlich Kombinationen gibt, in denen die Leine für eine bestimmte Situation das geringere Übel für Hund und Mensch ist. Dies nur, um meine Ansicht in etwas weniger radikalem Licht zu erleuchten.

Befürworter der häufigen Verwendung von Leinen oder gar des Leinenzwanges argumentieren meist mit dem Aspekt der Sicherheit. Sicherlich erscheint dies auch zunächst logisch. Der Hund kann nicht unkontrolliert überall hinrennen und Menschen oder andere Hunde belästigen, provozieren oder angreifen. Auch seine eigene Sicherheit scheint gewährleistet, denn er wird daran gehindert in Panik oder Sehnsucht nach dem Hund auf der anderen Straßenseite blindlings auf die Straße zu laufen. Oberflächlich betrachtet bietet die Leine also Schutz. In der akuten Situation selbst hat eine Leine sicher schon Menschen und Hunden die Haut gerettet.

Doch was passiert, wenn die Leine als Dauerlösung eingesetzt wird, in der Welpenausbildung, im täglichen Umgang, bei Hundebegegnungen, immer und überall? Wenn man die Situationen der Sicherheit aufrechnet gegen die Gefährdung, die die Leine im Dauereinsatz mit sich bringt, wieviel bleibt dann noch vom Inbegriff für Sicherheit?

Ein Welpe wird geboren mit dem Drang seiner Bezugsperson zu folgen, je unbekannter das Gebiet, desto dichter. In der Natur bedeutet das den Unterschied zwischen Leben und Tod - und ebenso stark ist auch dieses Bedürfnis. Dieser Drang lässt sich hervorragend zur Ausbildung des jungen Hundes ausnutzen und ist ein wertvolles Geschenk des Hundes an den unerfahrenen Ausbilder (versuchen Sie das selbe als Anfänger mal mit einer Katze!). Doch es verschwindet mit der Zeit - und wurde nicht ausreichend damit trainiert, verliert sich diese Fähigkeit und der Hundehalter muss mit einer Ausbildung beginnen unter sehr viel schwierigeren Voraussetzungen. Das kostet Zeit und Nerven.
Oft kommt es vor, dass Welpen gleich vom ersten Tag an daran gewöhnt werden ausschließlich mit der Leine herumzulaufen. Zu groß ist die Angst des Halters, das Kleine könne weglaufen. Nur wenige wissen, dass Welpen ihnen in unbekanntem Gebiet ohnehin nicht von der Seite weichen würden und sie damit einen wertvollen Grundstein des zuverlässigen Herankommens später achtlos wegwerfen.

Mein Rat an frische Welpenbesitzer daher: lassen Sie Ihren Welpen so oft wie möglich frei laufen und nutzen Sie seinen Drang Ihnen zu folgen. Nutzen Sie seine Unsicherheit in fremden Umgebungen, wo er sich dicht an Ihre Füße drängen wird. Wird er zu forsch, bewegen Sie sich weg - er wird Ihnen folgen! Zieht er beim Lagern seine Kreise zu weit - bewegen Sie sich weg, in unbekanntes Gebiet - hier wird sein Forscherdrang wieder stark begrenzt sein. Loben Sie ihn ausreichend für das Folgen, sorgen Sie dafür, dass er es immer als gut, lustig, toll und sicher empfindet bei Ihnen zu sein. Schimpfen und schlagen Sie ihn niemals, wenn er freiwillig zu Ihnen kommt! Sein Kommen wird sonst widerwilliger werden.

Ein glücklicher Hund

Nur durch ausreichend Bewegungsfreiheit kann ein glücklicher und ausgeglichener Hund heranwachsen
aboutpixel.de - Billa Zeyer

Sie sehen also: eine Leine in der Welpenausbildung kann im Getümmel einer Großstadt unter Umständen mal ein Lebensretter sein - sollte aber nie dazu führen, dass sie die wertvolle Phase des Folge"trieb"s verpassen! Dauerleine verführt zu Nachlässigkeit und Ihr Hund ist nicht doof - er weiß, dass er angeleint ist. Als Sicherheitsleine eignet sich auch eine Schleppleine - das ist eine lange Leine von 8-10m, die locker am Boden schleift und vom Hund kaum als Begrenzung wahrgenommen wird. Im Notfall kann man darauf treten, um den Hund zu stoppen.

Ein weiteres viel gebräuchliches Argument für die Daueranwendung einer Leine ist die Straßensicherheit. Es ist wahr, dass es keinen 100%igen Schutz an der Straße geben kann, denn Ihr Hund ist ein Lebewesen und kein Roboter. Aber auch für Ihr Kind kommt irgendwann mal der Zeitpunkt, wo es ohne Hand lernt auf eine Straße zu achten. Das kann auch ein Hund lernen - aber nicht an der Leine.
Eine Schleppleine als Sicherheitsanker kann einen ungestümen Hund in manchen Situationen retten. Dauerhafte Anwendung der kurzen Leine an Straßen führen jedoch dazu, dass der Hund sein Gehirn bei Ihnen, am anderen Ende der Leine, abgibt. Sollte Ihr Hund einmal durch einen Zufall ohne Leine sein, wird er dann ein richtiges Verhalten nie gelernt haben und ist akut unfallgefährdet. Dauerleine verführt zu mangelhafter Ausbildung des Hundes und verhindert aktiv einen Lerneffekt. Natürlich können Sie Ihren Hund in diesem Falle nicht aus Erfahrung lernen lassen! Wenn Sie ihm jedoch an der Schleppleine oder in einer sehr übersichtlichen, wenig befahrenen Verkehrssituation regelmäßig beim geringsten Übertreten des Bürgersteiges mit einem starken Stopp- oder Abbruchsignal warnen, wird er früher oder später freiwillig keine Pfote mehr auf die Straße setzen.
Denken Sie auch einmal an Ihre eigene Sicherheit dabei: wenn ein unerzogener Hund wild an der Leine reißt, wenn er auf der anderen Straßenseite ein begehrtes Objekt sieht, mag das Ihrem Dackel noch keinen Unterschied machen. Aber haben Sie auch Ihren Schäferhund so gut im Griff? Bei Glatteis? Wenn Sie unaufmerksam sind? Ist es nicht viel sicherer, den Hund zuverlässig zu erziehen statt sich auf diesen Riemen zu verlassen, der bei ungünstigen Bedingungen so leicht versagen kann?

Sie wissen bereits aus den anderen Kapiteln, wie wichtig für einen Hund seine Körpersprache ist. Die Körpersprache des Hundes wird durch eine Leine stark eingeschränkt - denn auch Abwenden, Hinlegen, Hinsetzen, den Kopf wegdrehen, können wichtige konfliktvermeidende Signale sein, die Sie mit der Leine unter Umständen unterdrücken. Wenn Sie Ihren Hund an der Leine in Richtung auf einen anderen Hund ziehen, kann der andere Hund den Eindruck haben Ihr Hund bewege sich direkt auf ihn zu - ein Sakrileg unter Hunden! Um Konflikte zu vermeiden, lassen Sie Ihren Hund also möglichst nichts von der Leine spüren. Halten Sie sie locker über ihn in der Luft oder lassen Sie eine lange Schleppleine über den Boden hängen. Wann immer möglich, lassen Sie Ihren Hund frei ohne Leine mit anderen unangeleinten (verträglichen) Hunden zusammen. Je häufiger Sie das tun, desto besser wird Ihr Hund in der höflichen Hundesprache werden und Konflikte selbständig vermeiden lernen.
Rucken und zerren an der Leine sowie Schreien und Brüllen stacheln Ihren Hund an! Durch die direkte körperliche Verbindung mit Ihnen fühlt er sich bestätigt und gestärkt und nimmt sich viel größere Frechheiten anderen Hunden gegenüber heraus als es dem Frieden gut täte. Die Leine gibt ihm Rückendeckung und Sicherheit, die er braucht, um große Töne zu spucken. Er kann sich unzureichend bewegen, wird möglicherweise aggressiv und gereizt - die sogenannte "Leinenaggression" entsteht. Viele, die glauben ihr Hund sei unverträglich und aggressiv, erleben ihr blaues Wunder, wenn die Leine plötzlich fehlt: höflich trippelt ihr Hund um den eben gerade noch verhassten Kontrahenden herum und wirkt auf einmal ganz umgänglich. Logisch, denn die Einschränkung und Aufstachelung durch die Leine fehlt.

Leine im Alltag

der rösler für Fressnapf, www.fressnapf.de
Vielen Dank für die freundliche Genehmigung!

Lassen Sie mich nun kurz etwas über den Umgang mit dem ängstlichen Hund sagen. An dieser Stelle werde ich ein wenig vom Kurs abweichen und eine Lanze für die Leine als Reißleine brechen. Eben gerade habe ich ausgeführt, dass sich ein Hund durch die Leine gestärkt fühlt und ihm mehr Selbstbewusstsein verleiht. Für einen rüpeligen Hund ist das natürlich nicht erwünscht! Für einen sehr unsicheren, ängstlichen Hund hingegen kann die Leine in manchen Fällen den selben Effekt haben - nur diesmal im positiven Sinne. Der Hund fühlt sich sicher mit Ihnen verbunden und wirkt so souveräner. Bei einem wirklich ängstlichen Hund ist es unwahrscheinlich, dass er dadurch motiviert wird derart über die Stränge zu schlagen, dass er nun provokativ wird - haben Sie trotzdem ein Auge darauf! Vergessen Sie auch hier das Risiko nicht, das eine Leine an einem nicht ausgebildeten Hund bei Glatteis, Nässe oder anderen unvorhergesehenen Situationen birgt! Ein panischer Hund, der einen Satz zur Seite macht, kann Sie mit umwerfen.
Wenn Sie sich bei Ihrem ängstlichen Hund auf die bestärkende Wirkung der Leine verlassen wollen, denken Sie einmal darüber nach, welche Hilfsmittel einem ängstlichen Kind eine Stütze sein können, wie etwa ein Schnuller, ein Nachtlicht im Dunkeln oder ein geliebtes Stofftier. Ein kleines Kind erfährt auf diese Weise Trost, wenn die Eltern gerade nicht zur Verfügung stehen und sammelt so Mut, etwas aus eigener Kraft überstanden zu haben. Und jetzt überlegen Sie auch einmal, ob Sie bei Ihrem Kind wollen würden, dass es noch mit 18 Jahren nicht ohne Schnuller einschlafen oder ohne den Teddy nicht allein in die Schule gehen würde. Vermutlich nicht! Diese Perspektive soll Sie ermuntern auch Ihren Hund von seinem "Schnuller" loszusagen und ihm auf andere Weise als durch die Leine Sicherheit zu vermitteln. Wie? Lesen Sie bitte das Kapitel "Angst".

Ein weiteres häufiges Argument "pro Leine" sind Menschen, die Angst vor Hunden haben. Sicher gibt es unter ihnen manche, die eine echte, unkontrollierbare Phobie haben und sich durch die Leine an Ihrem Hund etwas sicherer fühlen. Auf diese Menschen können und sollen Sie natürlich Rücksicht nehmen und es ist ganz selbstverständlich, dass Sie Ihren Hund - egal wie lieb - auf keinen Fall ungefragt zu anderen Menschen hinrennen lassen ohne einzugreifen. Das darf nie Sinn und Zweck der Leinenlosigkeit sein. Rücksicht auf Mitmenschen (oder auch Mithunde - denken Sie mal an ältere oder kranke Hunde) darf dadurch nie ins Hintertreffen geraten.
Trotzdem kann es auch im Umgang mit ängstlichen Menschen Situationen geben, in denen eine Leine (oder gar ein Maulkorb) mehr schadet als nützt. Ein Beispiel: mein Hund hat in seinem Leben nur sehr selten die Leine kennen lernen müssen und war es ganz selbstverständlich gewohnt auch in der Stadt frei neben mir herzulaufen. Er war von Natur aus immer schon scheu und zurückhaltend und machte um fremde Menschen von allein einen Bogen. Ich konnte mich jederzeit auf ihn verlassen. Nur ein einziges Mal in seinem Leben hatte ich es erlebt, dass jemand Angst vor ihm hatte. Ein so selbstverständlich frei und unbeeindruckt laufender Hund, der von selbst einen höflichen Bogen um Menschen macht - das beruhigt sogar Hundephobiker.
Nun mussten wir aber eine weite Strecke mit der Bahn fahren und dort war es Pflicht ihm Maulkorb und Leine anzulegen. Er verhielt sich ganz normal wie sonst auch - aber ich konnte förmlich spüren, wie uns die Leute anstarrten, erschrocken zur Seite wichen und ängstlich tuschelten. Ein Hund, der so verschnürt und sicher verpackt in Ketten reisen muss, muss ja schließlich gefährlich sein! Manche Leute sprachen mich sogar an, ob der Hund aggressiv sei. Was ich damit sagen will? Wenn Ihr Hund völlig gelassen dahertrabt und ein Mensch Sie beide herannahen sieht und Sie ihn daraufhin eilig zu sich rufen oder sogar am Halsband davonzerren - dann bekommt der Mensch erst recht unterbewusst das Gefühl "oha! Wenn die Besitzerin ihn so eilig und so sicher einfängt, ist der Hund bestimmt gefährlich!"
Ein höflicher Abstand ist unabdingbar im Umgang und aus ganz selbstverständlicher Rücksicht auf einen ängstlichen Menschen. Aber ebenso ist Gelassenheit manchmal ein ebenso wichtiges Signal. Mein Hund trabt frei herum und belästigt Sie trotzdem nicht, signalisiert: der Hund ist friedlich und erzogen. Diese Hund wird sehr viel weniger gefährlich sein als z.B. ein angeleinter Hund in einer schmalen Gasse. Denn eine Leine hindert keinen Hund am Beißen, Bellen oder Knurren. Rücksicht ist unabdingbar - wie aber diese Rücksicht im Praxisfall aussieht, wird nicht durch ein Hilfsmittel bestimmt, sondern durch die beteiligten Individuen.

Sicherheit durch Leine wird in vielen Zusammenhängen als selbstverständlich empfunden. Wenn ein Hund sich doch einmal losreißt und jemanden beißt, wird dies als Beweis hingenommen, dass derselbe Hund ganz ohne Leine sicherlich noch häufiger zugebissen hätte.

Hunde bitte anleinen! Diese Bitte wird häufig unüberlegt ausgesprochen

Doch in sehr vielen, wenn nicht sogar den meisten Fällen, wird die Aggression des angeleinten Hundes erst durch das Aufwachsen an der Dauerleine überhaupt ausgelöst! Manche Hunde werden sogar binnen Sekunden lammfromm, wenn man die Leine fallen lässt und seine Rückendeckung urplötzlich fehlt. Hunde werden auf lange Sicht durch die Leine aggressiv, werden in ihrer Bewegungsfreiheit und damit ihrer Kommunikation eingeschränkt, werden durch Rucken und Schreien aufgestachelt - und dann erst, wenn der Hund durch den dauerhaften Einsatz der Leine überhaupt erst unverträglich geworden ist, ja dann entstehen Situationen, in denen andere Hunde oder Menschen scheinbar durch die Leine geschützt werden.

Diesen Weg halte ich nicht nur für widersinnig und pervertiert, sondern auch für gefährlich in dem Sinne, als dass die dauerhafte Leine

  • zu Vernachlässigung der Erziehung verführt (an vielen Kleinhundhaltern nachzuvollziehen)
  • bei Nässe, Glatteis oder Schrecksituationen urplötzlich zur Gefahr werden kann, wenn der Hund nicht zusätzlich erzogen ist
  • keinen Schutz bietet, wenn der Hund physisch gar nicht gehalten werden kann (größere Menschen mit höherem Schwerpunkt, kleine zierliche Menschen, Kinder (!))
  • Aggressionen im Hund schürt, die ohne die Leine nie aufgetreten wäre
  • dem Hund eine Rückendeckung verschafft, die ihn zu provokantem Verhalten anderen Hunden gegenüber und somit zu Beißkonflikten aufstachelt

Kurz: die Leine löst Probleme, die ohne sie gar nicht da wären. Nicht immer - aber sehr oft!