Futterneid

Viele Probleme zwischen Mensch und Hund entstehen durch Missverständnisse. Dies gilt insbesondere im Bereich Futterneid. Unter Futterneid versteht man im allgemeinen Konflikte, die auftreten, wenn sich um Ressourcen, beispielsweise Futter, verteidigt wird. Und zwar geht es hierbei um die "Beute" des Hundes. Es gibt zwar auch Hunde, die betteln, wenn ein anderer Hund oder ein Mensch ein begehrtes Objekt in der Hand hält, aber dies soll zunächst nicht Thema sein.

Die hier beschriebenen Konflikte können über ein Stück Seil ebensogut entstehen wie über eine Futterschüssel, aber der Einfachheit halber will ich mich mal nur mit dem Verhalten an der Futterschüssel des Hundes befassen. Natürlich gibt es Futterneid auch und gerade unter Hunden, aber unser Hauptaugenmerk soll hier auf die Mensch-Hund-Beziehung gerichtet bleiben.

Hund mit Beute

Beute und Futter können Anlass für Konflikte sein - lernen Sie sich richtig zu verhalten
aboutpixel.de - Nataraj

Warum tut Ihr Hund das? Er bekommt doch genug zu fressen! Futterneid zeigt in vielen Fällen einen Mangel an Vertrauen oder eine Angst, bedingt aus seiner Vorgeschichte und seinem individuellen Temperament. Wenn der Hund sein Futter verteidigt, ist er meistens auch der Ansicht er habe einen Grund dazu. Manche Hundetrainer sehen in der Verteidigung des Futters ein Rangordnungsproblem. Ich halte dem entgegen, dass auch in Rudeln frei laufender Hunde ein rangniedriger Hund sein Futter drohend verteidigen und dem höher stehenden Tier seinen Besitz anzeigen darf. Im Normalfall wird der Höherrangige diesen Besitz respektieren, ohne dabei seinen höheren Status zu riskieren. Er wird den Hund in Ruhe fressen lassen.
Ein Hund, der Futterneid entwickelt, also Menschen bedroht, die sich ihm beim Fressen nähern, hat zumeist schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn Sie beispielsweise einen Straßenhund zu sich nehmen, der um sein tägliches Futter mit anderen Hunden kämpfen musste, wird er dieses Erbe unter Umständen nicht ohne weiteres ablegen, auch wenn Sie ihn optimal versorgen. Doch manche Hunde tragen auch einfach diese Veranlagung in sich. Woher Ihr Hund sein Verhalten hat, soll hier zweitrangig sein, nur soviel sollte Ihnen bewusst sein: man kann dieses Verhalten als Hundehalter auch auslösen bzw verstärken.

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Wie sieht Futterneid nun aus? Wenn Ihr Hund Sie gut kennt und respektiert, wird er normalerweise nur passiv drohen. Er wird vielleicht die Zähne fletschen, in die Luft schnappen oder knurren. Nur in einem wirklich zerrütteten Verhältnis oder bei noch nicht gefestigter Beziehung wird der Hund tatsächlich schmerzhaft zubeißen. Das klingt für Sie vielleicht erst einmal wenig tröstlich. Trotzdem ist dieser Unterschied wichtig für Ihr Verständnis der Situation. Wer eine Situation versteht und erkennt, kann richtig darauf reagieren.

Wenn Sie sich nicht sicher sind erkennen zu können, wann Ihr Hund nur passiv droht, also ohne die Absicht tatsächlich zuzubeißen und wann er "ernst macht", hier eine kleine Hilfe:

Ein passiv drohender Hund, der nicht die Absicht hat zuzubeißen:

  • legt die Ohren zurück
  • zieht die Maulwinkel weit zurück
  • hat eine geduckte, zurückweichende Körperhaltung
  • wirkt allgemein "zurückgebürstet"
Ein aktiv drohender Hund, der notfalls bei weiterer Bedrängung wirklich zubeißen könnte:
  • stellt die Ohren auf und richtet sie nach vorn
  • zieht die Maulwinkel nach vorn und verkürzt die Schnauze optisch
  • fixiert und wirkt insgesamt nach vorn gerichtet und "sprungbereit"
Es gilt, den Hund gut zu kennen und sorgfältig zu beobachten, da Hunde auch immer individuell starke Ausprägungen dieser Signale zeigen und der Hund seine "Meinung" auch ändern kann.

Manche Menschen raten dazu, den Hund für das Drohen und Knurren körperlich zu bestrafen. Aber überlegen Sie sich das gut! Auf den ersten Blick erscheint dies logisch und kann auch kurzfristige Erfolge zeigen. Der Hund droht nicht mehr. Es besteht aber auch die Gefahr, je nach emotionaler Situation Ihres Hundes, dass er sich durch Ihr Verhalten in dieser für ihn sehr angespannten und stressgeladenen Situation extrem bedrängt fühlt und im Affekt eine körperliche Auseinandersetzung eingeht. Ein solcher Vertrauensbruch ist kaum wieder zu kitten!
Egal ob es zu einer Auseinandersetzung kommt oder nicht, das Vertrauen Ihres Hundes wird durch eine körperliche Strafe in dieser Situation schwere Schäden erleiden. In seinen Augen hat er nichts getan, was eine Auseinandersetzung rechtfertigt. Wenn er Sie von nun an meidet, dann nicht, weil er Sie respektiert, sondern weil er Angst vor Ihren "Ausbrüchen" hat.

Aber auch das verbale Verbieten von Drohsignalen kann nach hinten losgehen. Dadurch, dass der Hund nicht mehr drohen darf, bessert sich sein Stresszustand und seine Angst am Futterplatz nicht. Der Hund ist nach wie vor höchst angespannt und darf nicht mehr kommunizieren. Das Ergebnis kann sein, dass sich diese Anspannung irgendwann einmal ohne Vorwarnung entläd und er zuschnappt, ohne vorher zu warnen. Denn er hat ja von Ihnen gelernt: ich darf nicht warnen.

Drohender Hund

Ein Warnsignal ist eine wertvolle Hilfe - schalten Sie es nicht aus
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Wie reagiert man nun auf Futterneid? Nun, ganz kurz und knapp: geben Sie ihm keinen Grund um sein Futter zu fürchten. Viele Hundetrainer raten hier immer wieder dazu den Hund zu unterwerfen, ihm sein Futter häufig wegzunehmen, um ihm zu zeigen, dass Sie der Herr über die Ressourcen sind. Aus vielen Gründen halte ich diese Methode persönlich für ungeeignet.
Sie wissen bereits - ein Hund mit Futterneid zeigt nicht seine Dominanz oder höhere Stellung an, sondern signalisiert: dies ist mein Futter und ich möchte es nicht mit dir teilen. Wie würden Sie reagieren, wenn Sie sich im Restaurant an einem freien Tisch einen Stuhl nehmen und die bereits dort sitzenden Gäste sagen etwas ärgerlich "Der Stuhl gehört aber uns, wir brauchen ihn noch!"
Mal davon ausgehend, dass Ihr Ziel ist, den Konflikt friedlich zu lösen und in Zukunft mit diesen Menschen gut auszukommen - würden Sie aus Prinzip, um den anderen Gästen zu zeigen, wie mächtig Sie sind, den Stuhl erst recht nehmen? Oder würden Sie sich mit einer kurzen Entschuldigung zurückziehen?

Ich erinnere Sie noch einmal daran, dass im Hunderudel auch der rangniedrigere Hund einem ranghöheren durch passives Drohen anzeigen darf, dass er Anspruch auf etwas erhebt, einen Stock beispielsweise, aber auch auf etwas zu fressen. Die Überlegung, dem Hund Ihre überlegene Position anzuzeigen, indem Sie seinen Wunsch nicht respektieren, wird also durch Beobachtungen des hündischen Rudelverhaltens nicht gestützt.
Was aber sicher ist, ist der Verlust des Vertrauens. Sie müssen abwägen. Wenn Sie sich nach wie vor sicher sind, dass Sie mit dem Wegnehmen des Futters Ihre Rangposition stärken, nehmen Sie den Vertrauensverlust zu Ihrem Hund vielleicht nach wie vor wissentlich in Kauf. Überlegen Sie aber auch einmal, ob Sie nicht Ihrem Hund das Futter lassen möchten und so sein Vertrauen langsam zu stärken.
Mein persönlicher Rat ist es, den Hund grundsätzlich beim Fressen in Ruhe zu lassen. Wenn Sie Kinder haben, stellen Sie das Verhältnis nicht auf die Probe und rufen Ihr Kind vom Futter des Hundes weg oder lassen es nicht zum Hund hinlaufen, während er frisst. Dies bleibt vollkommen unabhängig von Rudelrangfolgen - speziell hierzu äußere ich mich im Kapitel "Hund und Kind".

Wenn Sie den Hund daran gewöhnen möchten, dass Sie in seine Futterschüssel fassen, nehmen Sie ihm das Futter nicht weg, sondern legen etwas ganz besonders Leckeres hinzu, sobald Sie sicher sind, dass der Hund sich durch Ihr Eingreifen nicht mehr bedroht fühlt. Das können Sie vom Welpenalter an so machen.

Nun gibt es ja aber auch jene unter Ihnen, die einen eventuell stark futterneidischen erwachsenen Hund übernommen haben und nun nicht wissen, wie Sie ein Vertrauensverhältnis überhaupt erst aufbauen können. Wenn Ihr Hund sehr stark aggressiv am Futternapf reagiert, können Sie eingreifen, indem Sie Ihren Hund daran gewöhnen, dass er Futter grundsätzlich nur aus Ihrer Hand bekommt. Entfernen Sie den möglichst leeren Futternapf so, dass er es nicht sieht und nicht, während er frisst. Sie können dann, wenn dies klappt, anfangen Futterstücke nach und nach in seinen Napf zu legen, immer so lange wie er Sie in seiner Nähe dabei toleriert.
Normalerweise ist solch ein Vorgehen aber nicht notwendig und Sie bauen genug Vertrauen auf, wenn Sie dafür sorgen, dass Ihr Hund immer in Ruhe fressen darf.

Ähnlich können Sie mit aggressivem Beuteverhalten verfahren: räumen Sie alle potenziell konfliktauslösenden Spielsachen weg und legen Sie außer seiner Reichweite hin. Wichtig ist jedoch, dass Sie ihm die Sachen nicht direkt wegnehmen, sondern sie wegräumen, wenn er nicht dabei ist. Gewöhnen Sie ihn daran, dass er sie nur aus Ihrer Hand bekommt und Sie das Spiel beginnen und beenden. Beenden Sie das Spiel möglichst bevor er Zeichen von Verteidigung zeigt und geben Sie ihm etwas zum Austausch. Loben Sie ihn, wenn er das Spielzeug freiwillig hergibt.