DON'Ts - ungeeignete Hilfsmittel

...oder warum es sich immer lohnt etwas zu hinterfragen

Vertrauen

Das Leben und Glück Ihres Hundes liegt in Ihren Händen - nutzen Sie diese Macht weise!
aboutpixel.de - Walter Christ

Grundsätzlich betrachtet braucht eine gesunde Hund-Mensch-Beziehung keine technischen Hilfsmittel. Das Zusammenleben mit anderen Menschen, Institutionen und das Leben in der Stadt kann aber dennoch das ein oder andere Hilfsmittel erfordern und damit den Umgang mit dem Hund vereinfachen und auch sicherer machen, sowohl für Ihre Umwelt als auch für Sie selbst und Ihren Hund.

Leider aber gibt es durch Unwissen oft auch eine Nachfrage für Hilfsmittel, die bestenfalls ineffektiv und eine Geldverschwendung sind und schlimmstenfalls sogar die Bindung zu Ihrem Hund und damit die Voraussetzung dafür, dass Sie ein verlässliches Team bilden, zerstören können. Die Probleme, aufgrund derer das Hilfsmittel angeschafft wurde, verschlimmern sich und nicht selten wird dann zum nächsten Hilfsmittel aufgerüstet und eine Gewaltspirale erzeugt, die nach oben hin offen ist.

Diese Hilfsmittel werden häufig sogar im Fernsehen als einfache Lösungen präsentiert und können in fachkundiger Hand sogar manchmal Gutes bewirken, gehören aber auf keinen Fall in die Hand von Laien und bieten in keinem mir bekannten Fall eine schnelle, nachhaltige Problemlösung, sondern oft nur eine Verschiebung des Problems oder nicht selten eben auch eine Verschlimmerung.
Deshalb sollte man vor Anschaffung und Einsatz eines jeden Hilfsmittels nicht den hoffnungsvollen Fotos auf der Packung oder der Beschreibung vertrauen, sondern mit dem eigenen Verstand und etwas Wissen über die Psyche und das Verhalten von Hunden hinterfragen, was genau erreicht werden soll und ob das Hilfsmittel wirklich dazu beitragen kann. Kein Hilfsmittel aber kann Ihnen die Arbeit mit dem Hund, die ausführliche Beschäftigung und den Aufbau einer soliden Bindung abnehmen.

Wie ich schon im Kapitel über den Clicker schrieb, unterscheide ich zweierlei Situationen, nämlich die Erziehung - bei der der Hund sich von unerwünschten Verhaltensweisen verabschieden soll zugunsten des harmonischen Miteinanders und die Ausbildung, bei der der Hund neue Verhaltensweisen erlernen soll, die er bisher nicht kannte oder bekannte Verhaltensweisen mit einem Kommando verknüpfen soll. Erinnern Sie sich bitte daran: ein ängstlicher Hund lernt nichts!

Auf dieser Seite möchte ich kurz ein paar Hilfsmittel vorstellen, die ich entweder für ganz und gar ungeeignet in jeder Ausbildungs- und Erziehungssituation halte oder zumindest für stark kritikwürdig und bedenklich. Ob Sie das Hilfsmittel dennoch einsetzen oder nicht, wie und wie oft Sie es einsetzen, liegt natürlich in Ihrer Verantwortung.
Zudem muss ich auch hier darauf hinweisen, dass die Liste keineswegs vollständig sein kann und immer wieder neue Hilfsmittel auf den Markt kommen. Ich glaube dennoch, dass diese Seite Ihnen eine grundsätzliche Idee davon gibt, welche Hilfsmittel Sinn machen und welche nicht.

Das Stachelhalsband bzw der Stachelwürger

Beim Stachelhalsband oder Stachelwürger handelt es sich um ein Halsband, meist aus Gliedern einer groben Metallkette, aus der mehr oder weniger scharfe Stacheln oder Noppen hervorragen. Ursprünglich sollte dieses Hilfsmittel den Hund vor Attacken anderer Beutegreifer schützen und die Stacheln waren nach außen gerichtet, um den Hals zu schützen. Die heute verkauften Stachelhalsbänder haben erzieherischen oder dekorativen Zweck und tragen die Stacheln nicht selten nach innen gerichtet, um dem Hund Schmerzen zuzufügen. Besonders kritisch wird dies, wenn das Halsband sich durch Zug an der Leine verengen lässt und den Hund damit am Hals würgt und ihm die Stacheln noch tiefer ins Halsfell bohren lässt.

Halter versprechen sich von diesem Hilfsmittel verschiedene erzieherische Effekte, z.B. dass der Hund weniger an der Leine zieht, das Jagen von Wild oder aggressive Attacken auf andere Hunde unterlässt und sich durch den Schmerz leichter kontrollieren und beeindrucken lässt.
Auf den ersten Blick klingt dies logisch und sinnvoll. Doch Sie haben - je nach Hund - zwei grundsätzliche Richtungen, in die der Hund reagiert. Die eine Möglichkeit ist, dass ihn der Schmerz und der Ruck tatsächlich beeindruckt. In diesem Fall unterlässt der Hund das Verhalten, bekommt aber automatisch Angst und wird für etwaige Lernvorhaben nicht mehr zur Verfügung stehen. Ihr Hund meidet - sobald das Halsband aber mal nicht da ist, wird er das Verhalten wieder zeigen, denn gelernt hat er nur das Halsband zu fürchten und nicht, dass sein Verhalten unerwünscht war.

Unterschätzen Sie nicht wie bedrohlich Sie auf Ihren Hund wirken können

Die zweite Möglichkeit - und die ist bei willensstarken Hunden sehr viel wahrscheinlicher - ist ein Hund, der sich für den Schmerz in einer Erregungssituation kein bisschen für den Schmerz interessiert. Die ständige Schmerzeinwirkung macht ihn nur noch wilder, man sagt auch "es stachelt ihn an". Stieren in der Kampfarena werden Pfeile in den Rücken gestochen, damit sie aggressiver werden. Das kann auch, abhängig vom Temperament, auf Ihren Hund zutreffen! Wenn Sie das Halsband also zur Vermeidung von Konflikten einsetzen wollen, erweisen Sie sich keinen guten Dienst.

Ein ganz großes Märchen ist auch, dass der Hund keinen Schmerz dabei empfindet. Das ist nicht der Fall, jedoch gibt es Hunde mit einer hohen, oft anerzogenen Schmerztoleranz, die sich nichts anmerken lassen, vor allem nicht wenn sie gerade aggressiv sind oder eine Fährte in der Nase haben.
Sie erhöhen mit diesem Hilfsmittel die Schmerztoleranz Ihres Hundes durch Gewöhnung immer weiter und machen ihn letztlich immer unempfindlicher gegen mechanische Einwirkung und stürzen sich Hals über Kopf in eine Gewaltspirale. Das kann darin enden, dass Sie eine schwere Verletzung Ihres Hundes nicht bemerken, weil sich sein Verhalten unter großem Schmerz nicht ändert und dadurch ein frühzeitiges Ende findet.

Ob Ihr Hund also ängstlich oder unerschrocken ist - mit dem Stachelhalsband können Sie nur verlieren.

Das Halti

Viel harmloser ist das bekannte "Halti", ein Riemen, der wie ein Halfter über die Schnauze des Hundes gezogen wird und den Kopf des Hundes zur Seite dreht, sobald dieser sich in die Leine wirft. Auch hiermit soll verhindert werden, dass der Hund an der Leine zieht.

Wenn es um das reine körperliche Bändigen eines sehr schweren oder starken Hundes geht, kann ein Halti übergangsweise tatsächlich wertvolle Dienste leisten. Der Nachteil im Halti besteht einerseits in seiner Gesundheitsgefährdung für den Hund (Halswirbelsäule!) und andererseits darin, dass der Hund aus der Anwendung nichts lernt. Das Verhalten wird sich nicht bessern, er lernt lediglich den unangenehmen Ruck im Kopfbereich zu meiden. Auch hier kann der Hund Angst bekommen. Lernen tut er aber nichts!
Deshalb taugt auch das Halti als Dauermaßnahme oder in einer Ausbildungssituation nichts, Einzelfälle ausgenommen.

Das Sprühhalsband ("Antibell")

Das Sprühhalsband ist ein Halsband, an dem ein Kästchen angebracht ist, aus dem per Fernbedienung ein scharfer Wasserstrahl den Hund am Hals oder am Kopf trifft. Dies soll den Zweck haben, den Hund zu bestrafen ohne dass er eine Verbindung zum Bestrafenden herstellt.
In Fernsehsendungen wird zusätzlich zu dem Halsband eine versteckte Kamera installiert, damit der Hund bestraft werden kann, wenn er sich vollkommen allein fühlt.

Auch dies klingt auf den ersten Blick einleuchtend. Allerdings ist es ein Zeichen für einen intelligenten und selbstbewussten Hund, wenn er in Ihrer Abwesenheit Ihre Regeln nicht befolgt. Denn er respektiert SIE, nicht irgendwelche Regeln. Und das ist gut so, denn das ist ja auch das, worauf Ihre Beziehung basiert. Da der Hund keine Respektsperson wahrnimmt, bekommt er zwangsläufig Angst oder wird stark verunsichert. Wieder beginnt er zu meiden oder sogar den vermeintlichen unsichtbaren Feind zu attackieren.
Unterschätzen Sie nicht den Schreck und die tiefe Verunsicherung, die es mit sich bringen kann, wenn quasi aus dem Nichts etwas dicht hinter Ihrem Hund auf ihn einwirkt. Er begreift nicht was geschieht. Vielleicht hat er keine Schmerzen, denn es ist ja nur ein harmloser Wasserstrahl. Aber wenn er so harmlos ist, wieso funktioniert er dann? Eben, weil er für Ihren Hund eben nicht harmlos ist.

Auch hier kann es passieren, dass das teuer angeschaffte Gerät ganz und gar funktionslos ist, weil sich der Hund bereits beim zweiten Mal gar nicht mehr für den Strahl interessiert. Ein weiteres Risiko, das bei allen Geräten mit Fernbedienung und allen Strafen besteht ist das Risiko der Fehlverknüpfung. Sie beobachten zwar das Verhalten Ihres Hundes - doch Sie können ihm nicht immer ansehen, was er gerade im Kopf hat. Vielleicht betrachtet er gerade eine Vase - ZACK! Strafe! Was lernt Ihr Hund daraus? Nicht etwa "mein Verhalten war falsch" - das kann er nur aus sozialer Interaktion mit Menschen oder Hunden lernen. Statt dessen lernt er "wenn ich einer Vase zu nahe komme, werde ich nass!"

Dann haben Sie einen Hund, der immer noch bellt, Schuhe zerkaut oder auf ihr Bett springt - und zusätzlich auch noch eine Phobie vor Vasen hat!

Besser wäre es dafür zu sorgen, dass der Hund in Ihrer Abwesenheit an die Gegenstände, die er in Ruhe lassen soll nicht herankommt, ihm Alternativen anzubieten (Kauspielzeug) und ihn langsam ans Alleinsein zu gewöhnen. Wenn er in ihrer Anwesenheit etwas unterlassen soll, kommen Sie um die persönliche Einwirkung und das Erlernen eines Stoppsignals nicht herum. Alles andere ist nicht von Dauer.

Das Teletaktgerät

Ein Teletaktgerät ist ein kleines Gerät mit Metalldioden, das man am Halsband befestigt und dem Hund mit einer Fernbedienung Stromstöße verabreichen kann.

Für dieses tierquälerische Instrument gilt im Grunde das selbe wie für das Stachelhalsband und auch das Sprühhalsband, es besteht die Gefahr der Fehlverknüpfung, es bestehen die selben Nachteile der Schmerzeinwirkung (Anstachelung und Erhöhung der Schmerztoleranz), aber zusätzlich ist der Einsatz dieses Gerätes glücklicherweise in Deutschland mittlerweile verboten!

Der "Alphawurf"

Nicht direkt ein Hilfsmittel, aber doch eine bekannte Methode zur Erziehung ist der so genannte "Alphawurf". Sie geht von der These aus, dass ein Leitwolf in einem Wolfsrudel, also der "Alpha" seine Untergebenen diszipliniert, indem er ihn mit Wucht auf den Rücken schleudert und dort festhält, ihm womöglich dabei noch lange fest in die Augen starrt und knurrt. Dieses Verhalten soll imitiert und auf die Hund-Mensch-Beziehung angewendet werden, um dem Hund "Respekt und Unterwerfung" einzubläuen.

Hierbei gibt es gleich mehrere Probleme.
Denn soweit es auch stimmen mag, dass Hunde untereinander etwas rauer umzugehen pflegen, so sind sie doch keine Wölfe. Und sie wissen auch, dass wir keine Hunde sind. Sie machen Unterschiede - achten Sie mal darauf, wie Ihr Hund einen anderen Hund begrüßt und wie er auf andere Menschen reagiert. Auch Ihr Hund kennt den Unterschied.
Hunde untereinander sind sehr gezielt in ihrem Vorgehen und rempeln nicht einfach drauf los. Ihr Verhalten ist oft ein sehr schneller Ablauf vieler kleiner Signale, die der Mensch so schnell oft gar nicht nachvollziehen kann. Unterwerfung ist zudem ein aktiver Prozess, das heißt ein Hund schubst keinen anderen Hund um oder dreht einen anderen erwachsenen Hund auf den Rücken, sondern es handelt sich um ein Wechselspiel. Und im Normalfall dreht sich der unterwerfende Hund selbst auf den Rücken. Das kann sehr fließend vor sich gehen und so aussehen als habe der dominierende Hund den anderen Hund umgeworfen. Doch Zeitlupenaufnahmen zeigen, dass es nicht so ist. So wird höchstens bei sehr kleinen Welpen in einer Erziehungssituation vorgegangen. Es handelt sich aber keinesfalls um eine Alltagssituation in Hunde- oder Wolfsrudeln unter erwachsenen Tieren.

Der tapsige Versuch eines Menschen dieses hochkomplexe Verhalten zu imitieren, führt im besten Fall dazu, dass Ihr Hund zu der Überzeugung gelangt Sie haben sie nicht mehr alle. Im schlimmsten Fall fühlt sich Ihr Hund zutiefst gedemütigt und attackiert und wird entweder mit Panik oder aber mit vehementer Gegenwehr antworten. Beides wollen Sie nicht. Denn beides führt nicht zu einem Lerneffekt, sondern nur zur Zerstörung Ihrer Beziehung und Ihrer Bindung und einem Vertrauensverlust, der sehr schwer - wenn überhaupt - wiedergutzumachen ist.

Ebensolches gilt für das Packen im Nacken! Hunde reißen sich durchaus mal gegenseitig am Fell, wenn sie rangeln, doch der gezielte Griff in den Nacken, vielleicht noch mit einem Schütteln ist eine Morddrohung und wird allerhöchstens Panik und Aggression, auf jeden Fall aber einen Vertrauensbruch herbeiführen.

Bedenken Sie grundsätzlich beim Einsatz von Schmerzen und körperlicher Gewalt, dass die beiden wahrscheinlichsten Effekte Panik und Aggression sind, in jedem Fall aber unausweichlich ein Vertrauensverlust und Schwächung der Bindung. Und auf einer soliden Bindung basiert jede Ausbildung und Erziehung.