Der Tierheimhund

Was ist denn ein Tierheimhund? Richtig, es gibt ihn natürlich nicht, den Tierheimhund. Dennoch hört man immer wieder aus allen Richtungen die Warnung vor dem traumatisierten Hund aus dem Tierheim. Es stimmt tatsächlich, dass man im Tierheim eher als bei einem Züchter verwahrloste und misshandelte Tiere mit großen psychischen Auffälligkeiten findet. An den Gitterboxen stecken Karteikärtchen, auf denen oft mit knappen Worten ein grausiges Schicksal beschrieben wird. Das schreckt ab, erschafft Legenden und ausnahmslos jeder Mensch kennt den Hund, der eines Tages vollkommen ohne Grund einen Menschen angefallen haben soll.

Natürlich möchte man selbst nicht das Versuchskaninchen sein und geht lieber "auf Nummer Sicher" und holt sich einen Welpen vom Züchter. Lassen Sie mich diese Entscheidung kurz kritisch hinterfragen.

Welpe

Ihr neuer bester Freund kann auch im Tierheim auf Sie warten
aboutpixel.de - Konstantin Gastmann

Wo kommen die Tierheimhunde her? Man stellt sich unwillkürlich verschmutzte Wohnghettos und aggressive betrunkene Menschen vor, die auf einer armen Hundeseele herumprügeln. So etwas gibt es! Leider viel zuviel. Trotzdem sind die Insassen des normalen deutschen Tierheimes - was auch immer das Individuum darunter verstehen mag - zumeist unschuldig verurteilt.

Ich möchte nun nicht auf Ihre Tränendrüsen drücken und Sie anbetteln gegen Ihr Gefühl und gegen Ihren Verstand einer armen geknechteten Kreatur aufzunehmen. Das ist sicher ganz nobel, aber einen Gefallen tun Sie einem traumatisierten Hund nur dann, wenn Sie bereit sind eine ganze Menge Risiko, Geduld, Zeit, Geld und weitere wertvolle Alltagsgüter zu investieren. Ich meine das ganz in Ihrem Sinne, aber auch im Sinne des Hundes: wenn Sie keinen schwierigen Fall retten möchten, dann tun Sie es nicht. Aber schauen Sie sich die leichten Fälle zumindest einmal an!

Mir liegen darüber keine Zahlen vor, aber dennoch kann ich aus einer gewissen Lebenserfahrung heraus spontan sagen, dass die allermeisten Hunde, die aus den verschiedensten Gründen im Tierheim sitzen keine solchen gebrochenen Extremfälle sind, sondern ganz normale Hunde. Ausnahmslos jeder Hund kann durch einen Schicksalsschlag im Tierheim landen - auch Ihrer. Und die meisten Hunde überstehen ihre Zeit im Tierheim ohne psychische Schäden.
Niemand - oder ich muss mich leider korrigieren - fast niemand behandelt seinen Hund mit Absicht so schlecht, dass er später traumatisiert im Tierheim endet. Die meisten Schicksale (in Deutschland) haben einmal mit einem geliebten, umsorgten kleinen Welpen begonnen - die Probleme haben sich erst später entwickelt und durch Unwissenheit und Missverständnisse wurden die Probleme scheinbar unüberwindlich bis hin zur Abgabe unter Tränen. Das kann Ihnen mit Ihrem Welpen auch passieren. Und Sie sind doch kein böser Mensch, oder?
Und darüber hinaus kann ein solcher ganz normaler erwachsener Hund aus dem Tierheim gerade für Sie als eventueller Anfänger mit Hundewunsch unschätzbare Vorteile haben, die Ihnen bei einem Welpen vom Züchter oder vom Bauernhof in dieser Form nicht gegeben sind. Vorteile, die Ihnen das Leben enorm erleichtern können und ein reibungsloses Zusammenleben, gerade mit Kindern, ermöglichen können.

Wenn Sie einen Hund aus dem Tierheim möchten, aber noch unerfahren sind und Angst um Ihre Sicherheit oder die Ihrer Kinder haben, dann beherzigen Sie folgenden Tipp: wählen Sie einen bereits erwachsenen Hund mit bekannter Vorgeschichte. Warum? Ich erkläre es Ihnen.

Vorteile, die ein solcher Tierheimhund für den Anfänger mit sich bringen kann sind z.B.

  • der Hund ist bereits erwachsen und hat eventuell eine gute Erziehung - Sie umgehen damit, dass Sie eigene Fehler in die Welpenerziehung mit einbringen
  • der erwachsene Hund ist in seiner Entwicklung "fertig" und birgt normalerweise keine großen Überraschungen - Ihr Welpe wird sich im Laufe seines Lebens noch mehrfach ändern (Pubertät - manche Hunde haben zwei davon!)
  • ein Mischling kann den Vorteil haben, dass er meist keine extremen Ausprägungen einer Jagd- Hüte- oder anderweitiger Arbeitsneigung hat - Arbeitshunde sind im Familienalltag oft schwer zu integrieren

Trotz allen Mitleids - erkundigen Sie sich immer über die Vorgeschichte eines Hundes

Ich will ehrlich sein: nicht jedes Tierheim ist ehrlich, manche verschweigen bekannte Verhaltsauffälligkeiten und manche Verhaltensweisen treten erst auf, wenn der Hund in einer vertrauten Umgebung aufblühen kann. Dieses Risiko besteht.
Auf der anderen Seite muss ich auch sagen, dass auch Züchter nicht selten die Wahrheit in ihrem Sinne auslegen, Fakten vertuschen, Papiere fälschen oder Ihnen wissentlich ein krankes Tier verkaufen. Oder der vermeintliche Züchter beeindruckt Sie mit seinem hübsch geschmückten Vorgarten und verschweigt Ihnen die ausgemergelten, kranken Zuchthündinnen im Hinterhof. Ein Hundekauf birgt immer ein Risiko, egal woher Sie den Hund bekommen.

Deshalb ein paar generelle Tipps:

  • Gehen Sie mit dem gewünschten Traumhund ein paarmal spazieren, bevor Sie sich festlegen - nehmen Sie auch Ihre Familie mit
  • Beobachten Sie den Hund gut, wie reagiert er auf Männer, Frauen, Kinder und andere Hunde?
  • Stellen Sie Fragen, sein Sie nicht zu schüchtern. Haben Sie den Eindruck man verschweigt Ihnen etwas?
  • Nehmen Sie, wenn möglich, jemanden mit, der sich mit dem Verhalten von Hunden gut auskennt
  • Als positiv ist es zu bewerten, wenn Ihnen über störende Eigenarten des Hundes offen Auskunft erteilt wird

Wenn Sie dies alles beherzigen, ist die Wahrscheinlichkeit einer späteren Enttäuschung wirklich sehr gering. Aber ganz egal wofür Sie sich entscheiden, treffen Sie Ihre Entscheidung auf jeden Fall überlegt und schlafen Sie eine Nacht darüber.

Wenn Sie sich von Eigenarten des beschriebenen Tierheimhundes abgeschreckt fühlen, denken Sie darüber nach, dass auch ihr Welpe einmal ein erwachsener Hund mit Eigenarten werden wird. Beim Tierheimhund kennen Sie diese zumindest und können fachkundig darauf reagieren. Wie auch immer Sie sich entscheiden - ein neuer Hund ist immer eine Überraschung und ein neues Abenteuer.

Ich wünsche Ihnen viel Glück und alles Gute für Ihre Entscheidung!