

|
 |
 |
 |
Der erwachsene Hund
...und warum ein Hund kein Wolf ist.

Keine Angst vor dem bösen Wolf - ein wildes Spiel festigt die Bindung aboutpixel.de - Dominik Sellmann |
Hunde haben strenge Rangordnungen, von Dominanz und Unterwerfung geprägt! Ja? Ja - ebenso wie Menschen.
Glauben Sie nicht? Dann versuchen Sie mal Ihren Chef morgen früh, so dass die gesamte Belegschaft es hört, mit "Ey Günni! Alles stramm im Schritt? Was macht deine Alte!" zu begrüßen und beobachten Sie seinen Gesichtsausdruck. Sofern Sie Zeit dazu haben.
|
Möglicherweise haben Sie sogar ein so kollegiales Arbeitsverhältnis, dass Sie sich so eine Bemerkung ohne Gesichtsverlust leisten könnten. Dann werden Sie sich dieses Verhältnis aber in langen Jahren durch ständige soziale Signale in irgendeiner Form erarbeitet haben. Oder Sie sind selbst der Chef. Vor allem aber haben Sie trotzdem verstanden, worauf ich hinaus will.
Ja, ein Hund fühlt sich wohl in einer Sozialstruktur und blüht auf, wenn die Verhältnisse geklärt sind. Genau wie Sie. Ja, es gibt einzelne Hunde, die sich insgeheim wünschen es würde immer nach seiner Pfeife getanzt und sie hätten doch endlich die Weltherrschaft. Genau wie manche Menschen. Oder gehört Ihr Hund zu denen, die durch machohaftes Gerüpel ihre Unsicherheit verbergen wollen? So wie Ihr Onkel Theo? Oder ist Ihre Hündin so manipulativ wehleidig, dass sie Sie genauso regelmäßig um den Verstand bringt wie ihre Tante Agathe? Für jedes hündliche Verhalten gibt es eine menschliche Erklärung. Trotzdem will ich nicht sagen, dass Menschen und Hunde gleich sind. Sie kommunizieren verschieden, sie nehmen verschieden wahr und sie haben unterschiedliche Bedürfnisse. Naja, und sie sehen sogar meistens anders aus als wir, obwohl es da mitunter erstaunliche Überschneidungen gibt. |
Es ist so offensichtlich und zugleich so oft missverstanden: der Hund ist kein Wolf! Der Hund hat sich in Erscheinungsbild, Physiologie und Verhalten schon lange vor der kommerziellen Rassezucht durch den Menschen vom Wolf verändert. Das entscheidende Unterscheidungsmerkmal ist seine soziale Prägung, das heißt: er orientiert sich am Menschen mehr als am Artgenossen. Das ist keine leere Behauptung, sondern experimentell nachgewiesen. Während sich handaufgezogene Wolfswelpen bei Schreck und Bedrängnis immer noch lieber bei der Hündin verstecken, wendet sich der Hundewelpe vertrauensvoll an die menschliche Bezugsperson. Das ist einmalig im Tierreich. |

Ein Hund ist kein Wolf - und braucht andere Regeln aboutpixel.de - Daniel Knorn |
| Was folgert für uns daraus? Wir müssen keine Wolfs-Hierarchien und Wolfsverhalten simulieren, um mit unserem Hund umzugehen. Wölfe und Hunde sind sich ähnlich, dennoch sollten wir der Versuchung widerstehen sie miteinander zu verwechseln.
Was ist nun dran an der Dominanz, vor der sich so viele Menschen fürchten und die manche Menschen als Demonstration der eigenen Macht einsetzen? "Vorsicht, mein Hund ist dominant!" - eine Warnung vor dem aggressiven Hund, der meistens freundlich wedelnd und eifrig geifernd in der kurzen Leine hängt? Oder mehr ein Tarzanruf, der ebenso hätte ausdrücken können "Seht welch starker Löwenbändiger ich bin!" Aber ich schweife ab.
Dass die Theorien, die sich um den Begriff "Dominanz" ranken, nicht aussterben, hat also vielerlei Gründe und vielerlei Motivationen. Aber Dominanz ist keine Charaktereigenschaft, es ist ein Zustand, ein Verhalten. Ordnet sich ein Hund unter, ist er submissiv - der andere Part dominiert. So etwas passiert täglich in laufender Abfolge und wenn Sie mehrere Hunde haben, wissen Sie
- der ranghöchste Hund verhält sich nur selten dominant - er hat's nicht nötig
- Dominanz erfordert zwei Beteiligte, ein Hund kann nur dann dominant sein, wenn ein anderer submissiv ist
- je wichtiger eine Ressource, desto stärker der Drang zur Dominanz
Das ganze Gerede um die Rangordnung und die Dominanz, im folgenden liebevoll als "Rudelgedudel" bezeichnet, ist in meinen Augen ziemlich eindimensional und verfehlt das hochkomplexe Wesen Hund. Und vor allem, viel schöner für Sie: das "Rudelgedudel" ist für Sie und Ihr Zusammenleben mit dem Hund zumeist zweitrangig. Ihr Zusammenleben wird von Richtigkeit dieser Thesen kein bisschen berührt, denn wenn Sie eine starke Bindung und eine vertrauensvolle Beziehung zu Ihrem Hund haben, wird er Ihrer Führung folgen. Ob er das tut, weil er Sie als "Alphahund" sieht oder ob er das tut, weil er Sie für vertrauenswürdig und kompetent hält, kann Ihnen glücklicherweise vollkommen egal sein.
Das Problem bei Erziehung nach den Gesichtspunkten der Unterwerfung und Bestrafung ist: sie scheint zu funktionieren. Ja, der Hund ordnet sich unter, er hört auf am Schuh zu kauen, wenn Sie ihn zusammenbrüllen. Aber dies geschieht nicht ohne Verzicht auf Vertrauen. Ihr Hund lernt Ihre Wutausbrüche und Attacken zu meiden. Und das, was ein Hund als unangenehm empfinden kann, muss nicht einmal so spektakulär aussehen. Wenn Sie ihn an der Leine haben und seinen Po runterdrücken und dabei "Sitz" sagen - achten Sie einmal auf seinen Ausdruck. Lernen Sie seine Sprache und überraschen Sie sich damit, was er Ihnen sagt.
Sagt er "ach so, alles klar, Sitzen meinst du"? Ich vermute, Sie werden mit jedem Bisschen Hundesprache, das Sie lernen eher so etwas lesen wie "Huch? Was? Wie? Warum drückst du mich? Da weiche ich lieber mal aus? Ach, mit "sitzen" meinst du, du drückst mir auf den Rücken? Na dann werde ich in Zukunft lieber mal ausweichen."
| 
Beschwichtigung oder Drohung? Lernen Sie Hündisch! aboutpixel.de - maggie |
Dass er sich unwohl und von Ihnen bedroht fühlt, können Sie daran merken, dass er Signale aussendet, mit dem Ziel Sie (der Sie vermeintlich gerade aggressiv sind) zu besänftigen, zu beschwichtigen - die sogenannten Beschwichtigungssignale oder Calming Signals. Das kann sein:
- Lecken über die eigene Schnauze
- Augen zukneifen
- Ohren anlegen
- Maulwinkel nach hinten ziehen ("Unterwürfigkeitsgrinsen")
- Kopf zur Seite drehen
- hinsetzen
- gähnen
- Pfote geben
|
Diese Signale sind vielfältig und nicht jeder Hund wendet sie alle gleich an. Aber wenn Sie Ihren Hund anfassen und diese Signale erkennen, tun Sie ihm einen Gefallen und treten Sie einen Schritt zurück. Wenden Sie Ihrerseits diese Signale an. Fassen Sie ihn nicht an, statt dessen setzen Sie sich auf den Boden und lassen Sie ihn zu sich kommen. Schaffen Sie eine vertrauensvolle Lernumgebung, denn so lernt Ihr Hund optimal. Dies gilt auch im Alltag.
Übrigens: das beim Runterdrücken des Hundes vor die Nase gehaltene Leckerli hat nichts mit dem Lernverhalten zu tun. Er nimmt es zwar an, der stärkere Reiz ist aber immer das Drücken, also die potenzielle Gefahr. Hunde fassen einander nicht unvermittelt an, ein plötzlicher taktiler Reiz ist immer erst einmal suspekt. Empfindsame Hunde kann man damit nachhaltig schockieren. Er lernt durch Meideverhalten, er meidet Ihre Hand.
Falls Sie sich fragen, warum Sie das körperliche Eingreifen sein lassen und die Beschwichtigungssignale des Hundes lesen und anwenden lernen sollten, obwohl das "Sitz" auch mit Meideverhalten funktioniert, hier einige Gedankenanregungen. Oft hört man ja "diese weichen Methoden sind ja ganz nett, aber mein Hund muss unbedingt spuren, ich kann mir so eine lasche Erziehung nicht leisten."
Warum werden Rettungshunde grundsätzlich mit sogenannten "weichen" Methoden ausgebildet? Ist es denn bei Rettungshunden nicht wichtig, dass sie zuverlässig sind? Natürlich müssen sie das sein, aber sie müssen zusätzlich noch selbständig handeln und vor allem begeistert bei der Sache sein und ihre Sache auch dann noch zuverlässig ausführen, wenn keiner guckt. |

Ein erhöht liegender Hund ist ein Dominanzproblem? Nicht grundsätzlich! aboutpixel.de - Oliver Playford |
Ein Hund, der durch Meideverhalten ausgebildet wurde, ist zwar manchmal derart nachhaltig beeindruckt und verängstigt, dass er auch in Ihrer Abwesenheit gar nicht auf die Idee kommt ein Verbot zu übertreten. Normalerweise aber wird er die Abwesenheit seines Herrchens sofort ausnutzen und im Laufe der Jahre dessen Unaufmerksamkeit ausnutzen lernen. Wenn der Hund genug unter Stress steht, wird er je nach Temperament Aggressionen entwickeln (z.B. gegen andere Hunde, Katzen oder sogar Menschen) oder Stresssymptome wie Einkoten, Einnässen, Fellverlust und sogar heftigere körperliche Symptome wie Ekzeme. Möglicherweise wird er ein Angstbeißer. |
|
Dies alles soll ausdrücklich nicht bedeuten, dass Sie Ihren Hund nicht zurechtweisen dürfen! Das dürfen und müssen Sie sogar, wenn er ein von Ihnen bestimmtes Verbot übertritt. Aber denken Sie darüber nach, wann Sie eine Zurechtweisung einsetzen und wie. Hier ein paar Stichpunkte:
Bestrafung funktioniert
- nur sofort, wenige Sekunden nach dem Verhalten, das Sie verbieten möchten
- nur, wenn der Hund mit der Bestrafung ein Verhalten verknüpft, einen Zusammenhang herstellt
- am effektivsten, wenn sie kurz und heftig erfolgt - wenn Sie hingegen aus Rücksichtnahme behutsam beginnen und die Intensität der Bestrafung steigern, stellt sich ein Gewöhnungseffekt ein
Wenn Sie Probleme mit Ihrem Hund haben finden Sie mehr zu möglichen Ursachen und Abhilfen in der Sektion "Probleme im Zusammenleben".
Abschließend möchte ich Ihnen den wohl wichtigsten Rat im Umgang mit Ihrem Hund geben: vertrauen Sie Ihrem Hund!
Ich will Sie nicht belügen und nichts beschönigen: Sie haben ein bewaffnetes Raubtier im Haus, das das Potenzial hat Ihnen und Ihrer Familie körperlichen Schaden zuzufügen. Was aber macht den Unterschied, ob Sie mit einem Hund unter einem Dach leben oder mit einem wilden Jaguar? Der Hund ist kooperativ und sozial. Sie sind sein Rudel. Er möchte weder Ihre Gunst verlieren noch Ihnen schaden. Er ist von Ihnen und Ihrem Wohlwollen abhängig. Nutzen Sie das - und fühlen Sie sich nicht schlecht dabei, er würde es auch tun.
Aber denken Sie nicht das Schlechteste von Ihrem Hund, wenn er knurrt - ein Knurren ist eine Warnung und hat den Sinn Aggressionen zu vermeiden. Knurren kann im Spiel sogar das Gegenteil bedeuten: "ich hab Spaß!". Hunde fletschen, rempeln und knurren im Spiel - lernen Sie den Unterschied zu erkennen.
Mehr über die Körpersprache von Hunden erfahren Sie im Bereich "Hund und Kind" oder auf den DVDs "Die Fremdsprache Hündisch Teil 1-3" von Birgit Lehnen (schauen Sie in die Linkliste).
|
Hund und Mensch - ein Team fürs Leben |
|
|
|
|