Begegnungen - ein vielschichtiges Thema!

Bei Begegnungen sind Hundehalter oft unsicher

Eine Begegnung unterliegt einer Reihe von Bedingungen. Sie kann draußen statt finden, im Wald oder auf der Freilaufwiese, sie kann aber auch unter beengten Bedingungen wie in der Stadt an der Leine oder - noch komplizierter - bei jemandem zuhause stattfinden. Ob die Begegnung harmonisch verläuft oder nicht, hängt von so vielen Faktoren ab, dass es unmöglich ist an dieser Stelle auf alle Aspekte einzugehen. Daher nur einiges Grundsätzliches.

Wenn Sie sich für diesen Bereich interessieren, haben Sie womöglich das ein oder andere Problem mit ihrem Vierbeiner und seinen Begegnungen. Lassen Sie uns daher zunächst unterscheiden, in welcher Situation Ihr Hund auffällig reagiert, wem gegenüber und ob sein Verhalten tatsächlich auch aus Hundesicht problematisch ist.

Oft kommt es vor, dass Verhaltensweisen als auffällig oder problematisch geschildert werden, die eigentlich dem normalen Hundeverahlten entsprechen. Das muss nicht bedeuten, dass Sie es in jedem Fall akzeptieren müssen, aber das Verständnis für Ihren Hund erleichtert Ihnen die folgende Arbeit und Ursachenforschung ungemein.

Begegnung mit anderen Hunden

Lassen Sie mich zunächst einmal kurz grundsätzlich feststellen, dass es dem Rudeltier Hund nicht "im Blut liegt" laufend fremden Hunden zu begegnen. Damit sich ein Hund erfolgreich an diese Situation anpasst, muss er daran irgendwann im Leben, am besten in der frühen Welpenprägephase daran gewöhnt worden sein. Er muss es durch positive Erfahrung gelernt haben, dass es normal ist und zum Alltag gehört. Hat Ihr Hund das nicht gelernt, sind Probleme vorprogrammiert. Manche Menschen glauben, ein Hund müsse von Natur aus mit fremden Artgenossen auskommen, doch so wie Sie als Kind eine Sprache erlernt haben - und später oft noch viele hinzulernen müssen, so muss auch Ihr Hund eine Sprache erlernt haben, um mit seinen Artgenossen zu kommunizieren. Sonst gibt es Missverständnisse. Natürlich sind auch Hunde Individuen und haben ihre ganz persönlichen Abneigungen und Vorlieben.

Am besten erlernt Ihr Hund diese Sprache zwischen der 12. und 16. Lebenswoche, aber auch davor und danach kann er im Umgang mit anderen Hunden eine Menge lernen. Isolieren Sie ihn daher nicht, auch dann nicht, wenn er Verhaltensauffälligkeiten zeigt. Nur im Umgang mit Artgenossen kann er lernen ihre Signale richtig zu deuten und angemessen zu reagieren. Das können Sie ihm leider nicht abnehmen, auch wenn er dabei den ein oder anderen Rüffel riskiert. Sein Sie für ihn da, aber trösten Sie ihn nicht. Zeigen Sie Gelassenheit und Humor.

Welpe

Ein unbeschriebenes Blatt: jeder Welpe muss richtiges Verhalten bei Begegnungen erst lernen
aboutpixel.de - Melanie Orner

Bedenken Sie bei einer Begegnung mit einem anderen Hund aber natürlich, ob der Besitzer des anderen Hundes mit der Begegnung einverstanden ist und fragen Sie ob der andere Hund verträglich ist. Denn wenn Ihr Hund aufgrund von schlechten oder mangelnden Erfahrungen verunsichert ist, sollte er möglichst keine schlechten Erfahrungen mehr machen.

Ich halte es für sehr wichtig, dass nicht nur Ihr Hund, sondern auch Sie diese Sprache erlernen. Für sehr empfehlenswert halte ich persönlich das Buch "Calming Signals - Beschwichtigungssignale beim Hund" von Turid Rugaas sowie die DVDs "Die Fremdsprache Hündisch" von Birgit Lehnen.

Eine gesunde Hundebegegnung aus Hundesicht muss durchaus nicht nur von Spiel, Harmonie und Heiterkeit geprägt sein, sondern darf durchaus Signale aus dem Drohverhalten (rüdentypisches "Aufplustern") und ein bisschen Gerangel enthalten, es darf auch mal gebrummelt und gerempelt werden, ohne dass dem Hund psychischer Schaden droht. Im Gegenteil - es ist eine wertvolle Lektion sich unterwerfen zu können und sich mit anderen Hunden zu messen.

Aus menschlicher Sicht ist das oft grausam und man ist versucht "Gerechtigkeit" walten zu lassen und den schwächeren Hund zu beschützen. Doch überlegen Sie gut, wann dies angebracht ist und wann Sie dem Hund damit tatsächlich auch schaden können!
Einen unterlegenen Hund auf den Arm zu nehmen oder an der Leine hoch- oder wegzuziehen kann einen Konflikt eskalieren lassen, denn Sie verhindern, dass sich Ihr Hund unterwirft und damit die Aggression des Gegenübers hemmt. Ein überlegender Hund empfindet diese plötzliche "Erhebung" oft als Frechheit und reagiert seinerseits mit einer Erhöhung des Aggressionspotenzials.
Das Selbstbewusstsein eines Hundes auf dem Arm (dies gilt auch schon für Welpen!) ist oft kilometerweit zu hören und schafft nur noch tiefere Gräben zwischen den Kontrahenden. Wenn Sie um die Unversehrtheit Ihres Hundes fürchten, treten Sie entschlossen mit einem Schritt zwischen Ihren Hund und lassen Sie Ihren Hund sich dicht an Sie stellen. So signalisieren Sie, dass sie einen körperlichen Konflikt nicht dulden.
Zu Ihrer eigenen Sicherheit: fassen Sie einen fremden Hund nicht einfach am Genick oder am Halsband, schreien und schlagen Sie nicht auf ihn ein. Bleiben Sie zu jeder Zeit ruhig und gelassen. Wenn sich zwei Hunde tatsächlich ineinander verkeilt haben, fordern Sie den Besitzer des anderen Hundes auf mit ihm gemeinsam die Hunde an den Hinterbeinen auseinanderzuziehen.

Viel Lärm um nichts - ein Gerangel unter Hunden sieht meist schlimmer aus als es ist!

Falls Ihr Hund derjenige ist, der aggressiv auf andere Hunde reagiert, versuchen Sie positives, also gelassenes Verhalten zu bestärken. Bleiben Sie auch hier ruhig und gelassen und reagieren Sie frühzeitig auf Drohgebärden wie knurren, Nackenhaare aufstellen oder stocksteif stehen bleiben und drohen, indem Sie den Hund wegführen oder ablenken (hier Vorsicht, dass Sie ihn nicht aus Versehen für das aggressive Verhalten belohnen - daher nicht mit Ball, Leckerli o.ä. ablenken, sondern z.B. in die Hände klatschen). Versuchen Sie den anderen Hund zu sehen bevor Ihr Hund ihn sieht und lenken Sie ihn ab.

Bedenken Sie auch, dass die Leine oft einen verstärkenden Effekt auf die Aggression Ihres Hundes hat und er sie in diesem Moment so wenig wie es Ihnen möglich ist spüren sollte. Bei den meisten Hunden ist der Wind sofort aus den Segeln, wenn die Leine wegfällt. Verabreden Sie sich mit anderen Hundehaltern zum Freilauf und Sie werden sehen, wie sich Ihr "Killer" eventuell binnen Sekunden zum Lämmchen entwickelt. Ich habe das selbst in der Praxis unzählige Male erlebt.

Im Grunde gelten bei allen Hundebegegnungen die selben Grundregeln:

  • Wo immer möglich, lassen Sie die Leine weg - deshalb lohnt sich Gehorsamstraining, um Ihrem Hund dies so oft wie möglich zu ermöglichen! Wo dies nicht möglich ist, verwenden Sie ein Geschirr statt eines Halsbandes und eine lange Leine, die der Hund so wenig wie möglich spürt.
  • Bleiben Sie immer souverän und ruhig. Geschrei oder körperliche Strafen stacheln Ihren Hund an oder verängstigen ihn.

Begegnungen mit Menschen

Weitaus seltener als Probleme mit Hundebegegnungen sind Probleme mit Menschenbegegnungen. Dennoch gibt es auch hier so viele Faktoren und so viele Einzelfälle, dass es auch hier nicht möglich ist alle Eventualitäten abzudecken.

Wenn Ihr Hund Probleme mit anderen Hunden hat, liegt dies zumeist an seinen schlechten oder nicht vorhandenen Erfahrungen - dies gilt ebenso bei Begegnungen mit Menschen. Wenn Sie einen Welpen haben, sollten Sie ihn deshalb auch an viele verschiedene Menschen gewöhnen, Menschenmengen, das Fahren in der U-Bahn und anderen Zusammenhängen. Auch betrunkene und gebrechliche Menschen sowie Kinder sollte Ihr Hund kennen, um nicht später einmal mit Panik oder Aggressionen zu reagieren.

Im Umgang mit Menschen müssen Sie natürlich zu allererst Rücksicht nehmen und dafür sorgen, dass niemand gefährdet wird. Das wissen Sie. Aber das ist im Einzelfall gar nicht so einfach, denn Gehwege sind oft so schmal, dass auch ein angeleinter Hund in der Stadt nicht ganz ohne Menschenkontakt auskommen wird. Bedenken Sie, dass ein Maulkorb unter Umständen für Ihren Hund weniger schlimm zu ertragen ist als eine dauerhafte Isolation oder zuwenig Bewegung.

Wenn Ihr Hund ein so gravierendes Verhalten zeigt, wie Panik oder Aggressionen, macht es Sinn zunächst einmal herauszufinden woher das Verhalten rührt, aus seiner Vergangenheit? Aus seiner Unerfahrenheit? Gab es ein traumatisches Erlebnis?
Dann sollten Sie sich fragen bei welchen Menschen (Mann, Frau, Statur, Kleidung) das Verhalten auftritt und in welchen Situationen. Analysieren Sie die Situation und machen Sie dann einen Plan, wie Sie ihrem Hund Schritt für Schritt positive Erfahrungen verschaffen können.

Achten Sie auch darauf, dass Ihr Hund immer ausweichen kann, wenn er von Menschen angefasst wird! Machen Sie die Menschen auf die Angst oder die Aggression Ihres Hundes aufmerksam und bitten Sie sie, Ihren Hund nicht zu berühren. Er wird Vertrauen in Sie gewinnen und sich darauf verlassen, dass Sie seine Grenzen schützen und er es nicht selbst tun muss.
Trösten oder beschimpfen Sie Ihren Hund nicht, sondern lassen Sie ihn, wenn möglich, bei problematischen Begegnungen links liegen. Gehen Sie selbst ganz offen und freundlich auf andere Menschen zu und zeigen Sie ihm, dass nichts Außergewöhnliches dabei ist einem anderen Menschen zu begegnen.

Dicke Freunde

Und sehen Sie es einmal so: aus jeder Begegnung kann auch eine Freundschaft werden!
aboutpixel.de - Peter Re

Sollten Sie in Eigenregie nichts ausrichten können, empfiehlt sich immer sich Hilfe durch einen Verhaltenstherapeuten oder einen Hundetrainer zu suchen, der zu Ihnen ins Haus kommt und nicht nur auf einem abgegrenzten Hundeplatz agiert.