Angst

Angst

Angst beruht auf schlechten Erfahrungen - oder auf zu wenigen

Angst ist zunächst einmal nichts Schlechtes und erfüllt die wichtige Funktion, den Körper auf eine Flucht oder eine Auseinandersetzung bei drohender Gefahr vorzubereiten. Ein Problem entsteht daraus erst dann, wenn der Hund auch dann Angst zeigt, wenn keine unmittelbare Gefahr vorhanden ist. Oft bringt er sich gerade durch die Angstreaktion in tatsächliche Gefahr, wenn er beispielsweise haltlos davonrennt.

Die gute Nachricht für Sie als frischen Welpenbesitzer ist: übertrieben ängstlichem Verhalten kann vorgebeugt werden. Wenn Sie einen schon erwachsenen ängstlichen Hund haben, gilt es zunächst die Situationen zu analysieren, in denen die Angst auftritt, bevor Sie eine geeignete Methode finden. In jedem Fall aber gilt: Ihr Verhalten kann Ihrem Hund entscheidend helfen.

Als Welpenbesitzer haben Sie es in der Hand: sorgen Sie für eine gute Sozialisierung, das heißt, sorgen Sie für so viele positive Begegnungen mit allen unbekannten Reizen, wie es nur geht. Etwa zwischen der 12. und 16. Lebenswoche des Hundes ist er neugierig und offen für fast alles. Natürlich hat die Offenheit seine Grenzen, aber in diesem Alter ist die ideale Zeit Ihren Hund alles in entspannter Atmosphäre kennen lernen zu lassen, was einen älteren Hund potenziell in Panik versetzt: Menschenmassen, knallende Patronen, Fußbälle, Feuerwerk, einen Bahnsteig, andere Tiere wie Pferde, Katzen, Kühe oder auch Enten und Gänse. Alles was Ihnen einfällt.
Wenn Sie sagen "mein Hund muss aber nie in die Stadt oder in den Kuhstall", denken Sie auch daran, dass ein Schicksalsschlag Sie trennen und ihn von einem neuen menschlichen Partner abhängig machen kann, der ganz anders lebt als Sie. Nutzen Sie diese Phase, denn sie kommt nie wieder. Sie ist die wertvollste Angstprävention, die es gibt.

Nun kommt es natürlich vor, dass man entweder keinen Einfluss auf die Sozialisierungsphase hatte oder der Hund nachträglich traumatisiert wurde. Je nach Stärke des Traumas und Intensität der Angstreaktion Ihres Hundes (weicht er nur skeptisch zurück oder flieht er in haltloser Panik?) brauchen Sie unter Umständen professionelle Hilfe durch einen Hundetrainer, der mit möglichst passiven Methoden arbeitet (z.B. Clicker). In der Kürze dieses Artikels kann ich auf stark traumatisierte Hunde nicht eingehen und möchte Sie bitten sich vor Ort um Unterstützung zu kümmern.
Doch wenn Ihr Hund nur eine leichte oder mittelschwere Angstreaktion zeigt, können Sie ihm selbst durch das richtige Verhalten und ganz normale Einbindung in Ihren Alltag helfen. Wichtig sind bei einem ängstlichen Hund beispielsweise folgende Fragen, die Sie sich wie ein Detektiv bei der Lösung eines Kriminalfalles stellen sollten:

  • Wovor hat der Hund Angst, ist eine Regelmäßigkeit zu erkennen (z.B. Männer mit Hüten, Auto fahren, Knallgeräusche)?
  • In welchen Situationen hat der Hund Angst? Manche Hunde sehen z.B. schlecht in der Dämmerung und reagieren dann besonders schreckhaft.
  • Sind körperliche Symptome ausgeschlossen (Taubheit, Blindheit)?
  • Wie reagiert der Hund? Erkennen Sie die Angst nur an der Körpersprache, versucht er zu flüchten, bellt er?
  • Woran orientiert er sich, wenn er flüchtet? Sucht er Ihre Nähe oder flüchtet er von Ihnen weg?

In letzterem Fall ist es beispielsweise ganz besonders wichtig, dass Sie an der Bindung zu Ihrem Hund arbeiten. In einer starken Hund-Mensch-Beziehung orientiert sich ein ängstlicher Hund an seiner vertrauten Bezugsperson und weicht ihr nicht von der Seite. Manche wollen sogar auf den Arm - bieten Sie Ihre Nähe an, geben Sie diesem Wunsch aber nicht nach.

Wie sieht Angst beim Hund aus? Das kann sich je nach Temperament des Individuums unterscheiden, weil manche Hunde eher zur Flucht und übertriebenen Unterwerfung neigen, andere hingegen bellen, um Stress abzubauen, ganz andere gehen zum Angriff über (Angstbeißer). Manchmal wirkt ein ängstlicher Hund überhaupt nicht ängstlich, versucht aber durch übertriebenes Imponieren oder Bellen den "Eindringling" zu vertreiben. Nähert sich der Eindringling dann wirklich, ergreift der Hund die Flucht und imponiert aus sicherer Entfernung weiter. Solche Hunde werden dann auch häufig auf angebliche "Dominanz" falsch behandelt und die Angst nur noch weiter geschürt. Das zu erkennen, ist also gar nicht so leicht! Trotzdem gibt es einige wichtige Signale, an denen Sie erkennen können, ob Ihr Hund unsicher ist oder sogar wirkliche Angst hat.

Ein ängstlicher Hund wirkt in seiner Gesamthaltung immer etwas rückwärtsgerichtet, auch wenn er droht. Er legt die Ohren dicht an, klemmt den Schwanz zwischen die Beine, macht den Rücken rund und macht sich klein. Er sieht durch und durch jämmerlich aus. Auch, wenn er zwischendurch die Nackenhaare aufstellt und imponierende Verhaltensweisen zeigt, so bewegt er sich unruhig und wechselt oft die Körperhaltungen. Er zeigt höchstwahrscheinlich außerdem Signale aus dem Beschwichtigungsverhalten wie Maulwinkel zurückziehen, wegschauen, blinzeln, Pfote geben, sich schnell über die Schnauze lecken oder schnell mit dem eng anliegenden Schwanz wedeln. Fletscht er dazu die Zähne, ist er bereit zur Verteidigung und fühlt sich in höchstem Maße bedroht. Der Hund sollte jetzt auf keinen Fall angefasst oder weiter bedroht werden, etwa um ihn zu unterwerfen.

Wenn Sie es erfolgreich geschafft haben, in Ihrer Detektivarbeit sowohl den Auslöser für seine Angst als auch die Situation herauszufinden und nun in der Lage sind die ersten Anzeichen seiner Angst an seiner Körpersprache rechtzeitig zu erkennen, dann sind Sie einen gehörigen Schritt weiter. Ein Auslöser ist das, wovor er Angst zeigt. Eine Ursache kann ein zurückliegendes Ereignis oder eine mangelnde Sozialisierung durch Isolation sein. Die Ursache finden wir häufig nicht heraus, besonders wenn wir den Hund nicht vom Welpenalter an begleiten. Deshalb will ich mich nun im folgenden den verschiedenen Auslösern widmen, denn daran orientiert sich auch die Arbeit mit einem ängstlichen Hund, unabhängig von der Ursache.

Angst vor Menschen: Ihr Hund fürchtet Sie

Angst ist ein Zustand, in dem ein Hund weder lernen noch gehorchen kann. Deshalb macht es aus verhaltensbiologischer Sicht - und natürlich aus menschlicher Sicht! - keinen Sinn einen Hund bei der Ausbildung einzuschüchtern. Manche Hunde reagieren sehr sensibel auf Ihren Tonfall und Ihre Körpersprache und zeigen bereits Angstverhalten, sobald eine ungeduldige Nuance in Ihrer Stimme erscheint. Nehmen Sie Ihren Hund ernst und machen Sie eine Pause, bis Ihre Geduld wieder ausreicht.

Dass Ihr Hund Sie fürchtet, erkennen Sie an seiner Körpersprache, sobald Sie sich ihm nähern. Schauen Sie ihn einmal an, wenn er Sie nicht beachtet. Studieren Sie seine Haltung. Ist er entspannt? Jetzt sprechen Sie ihn an. Kommt er freudig angelaufen oder spitzt er die Ohren und schaut Sie aufmerksam an? Oder legt er gleich die Ohren an, wedelt er ängstlich, weicht er sogar zurück? Ein Wedeln wird häufig als Freude missverstanden, doch ist ein Wedeln nur dann freudig, wenn der ganze Schwanz dabei locker hängt. Ist er eingeklemmt, eng angelegt und wedelt der Hund nur mit der äußersten Spitze schnell und hektisch, dann hat er Angst.

Wie begegnen Sie dieser Angst? Machen Sie sich harmlos. Fixieren, anfassen, aufrichten oder auf den Hund zu bewegen kann von ihm als bedrohlich empfunden werden. Wenn Ihr Hund an der Leine gehen muss, verwenden Sie eine lange Leine (Schleppleine), die ihm ermöglicht auszuweichen. Halten Sie ihn nicht fest und folgen Sie ihm nicht. Setzen Sie sich locker auf den Boden und gähnen Sie herzhaft. Strahlen Sie Normalität, Langeweile und Beiläufigkeit aus. Beachten Sie ihn nicht. Wenn er sich Ihnen nicht freiwillig nähert, können Sie kleine Futterbröckchen beiläufig grob in seine Richtung werfen oder sein Lieblingsspielzeug auspacken und damit herumspielen. Loben Sie ihn für jeden freiwilligen Schritt auf Sie zu oder locken Sie mit Futter. Sprechen Sie ruhig, freundlich und aufmunternd, niemals tröstend oder wehleidig.

Lernen Sie auch im Alltag, dass Sie den Hund immer zu sich rufen statt ihn einzufangen. Und vor allem: haben Sie viel Geduld. In schweren Fällen sollten Sie sich immer an einen Spezialisten wenden, der Sie und Ihren Hund vor Ort kennen lernen kann.

Angst vor fremden Menschen oder Hunden

Wenn Ihr Hund vor Ihnen keine Angst hat und sich vertrauensvoll an Ihnen orientiert, dafür aber bei Begegnungen mit fremden Menschen (vielleicht nur einem bestimmten Menschen oder einer bestimmten Gruppe wie Männern z.B.), dann haben Sie schon einmal einen Vorteil. Der Hund sucht Ihre Nähe und bleibt durch Sie beeinflussbar.

Trösten Sie ihren Hund grundsätzlich nie, wenn er Angst hat. Sie loben und bestärken damit sein Verhalten und bestätigen ihm, dass es richtig ist Angst zu haben. Stehen Sie ihm zur Verfügung, er erwartet Rückhalt von Ihnen. Es ist aber wichtig, dass er in seinem eigenen Tempo lernt, auf diesen Rückhalt Schritt für Schritt zu verzichten. Er bietet aber immer wieder eine Basis zu der er zurückkehren kann.
Rückhalt können Sie ihm geben, indem Sie sich hinhocken und ihn zu sich kommen lassen, wenn er Angst hat. Nehmen Sie ihn aber nicht auf den Arm. Berühren Sie ihn möglichst nicht, sein Sie einfach da. Wenn Sie sprechen, sprechen Sie gelassen und heiter. Sie können sich auch zwischen ihn und den anderen Hund stellen, auf diese Weise zeigen Sie Ihrem Hund, dass Sie da sind und den Konflikt souverän und aggressionslos entschärfen. Was Sie nicht tun sollten ist den anderen Hund in irgendeiner Weise zu bedrohen, anzuschreien o.ä. - damit zeigen Sie nicht nur eigene Unsicherheit, sondern zeigen Ihrem Hund auch ein Konfliktverhalten, von dem Sie nicht möchten, dass er es übernimmt.

Ganz gleich, ob Ihr Hund vor einem anderen Hund oder einem Menschen Angst hat, er sollte in keinem Fall gezwungen werden sich dem Objekt seiner Angst zu nähern oder gar festgehalten werden. Seine Angst wird nur größer werden. Lassen Sie ihn jeden Schritt selbst tun.
Damit er nicht lebenslang auf Ihren Rückhalt angewiesen ist, muss er lernen selbständig mit seiner Angst umzugehen und seine Konflikte selbst zu lösen. Dazu braucht er vor allem eines: Kontakt mit dem Angstauslöser. Bringen Sie ihn unter Leute und steigern Sie die Intensität des Kontaktes schrittweise, loben Sie ihn für eigene Annäherungsversuche. Üben Sie zunächst nur mit bekannten, gut verträglichen Hunden oder befreundeten Menschen, sofern das möglich ist.

Sollte die langsame Gewöhnung nicht auf Anhieb klappen, machen Sie Rückschritte und rechnen Sie mit Rückfällen seitens Ihres Hundes. Gestern hat er es zugelassen, dass Ihr Nachbar ihn streichelt, doch heute bellt er ihn wieder an? Das ist ganz normal, haben Sie Geduld und gehen Sie einen Schritt zurück.

Wichtig ist auch, dass er keine schlechten Erfahrungen mehr sammelt. Wählen Sie deshalb Ihre Übungspartner sorgfältig aus. Kontaktieren Sie eine Hundeschule und fragen Sie dort nach Leuten, die Ihnen mit ihren gut erzogenen und friedlichen Hunden helfen.

Angst vor Umweltreizen (Geräusche, Situationen)

Prinzipiell gilt hier ähnliches wie im Umgang mit der Angst vor fremden Menschen oder Hunden. Diese Angst rührt häufig von mangelnder Erfahrung oder aber schlechten Erfahrungen her. Wichtig ist auch hier, dass Sie die Situationen so beiläufig und gleichgültig wie möglich begehen und Ihren Hund in keinem Fall trösten oder beruhigend streicheln.

Sie können auch hier mit der langsamen Gewöhnung beginnen, indem Sie Ihrem Hund den Angstauslöser unter kontrollierten Bedingungen zeigen. Ihr Hund hat Angst vor Knallgeräuschen? Beginnen Sie damit, beispielsweise auf Ihrem Computer, mit sehr leiser Lautstärke in unregelmäßigen Abständen Knallgeräusche abzuspielen. Natürlich sollen Sie Ihren Hund nicht in Panik versetzen. Die richtige Intensität haben Sie gewählt, wenn er Hund zwar zusammenzuckt und sich alarmiert umschaut, aber nicht aufspringt, flüchtet oder gar in Panik gerät. Wenn dies passiert, lassen Sie ihn in Ruhe und machen Sie ein andernmal mit geringerer Intensität weiter. Irgendwann wird er das Geräusch als Hintergrundgeräusch akzeptieren und sich nicht mehr erschrecken. Jetzt können Sie die Lautstärke etwas hochdrehen. So verfahren Sie weiter und weiter, bis Ihren Hund das Geräusch nicht mehr interessiert.
Nun könnten Sie ihn dem Geräusch draußen aussetzen und hier wieder beobachten, wiederholen, Intensität steigern, sobald sich Gleichgültigkeit eingestellt hat. Rechnen Sie auch hier mit Rückschritten und bewahren Sie die Geduld.

Sie können auch erwägen sich einmal mit der Methode des Clickerns auseinanderzusetzen, da Sie hierdurch in der Lage sind punktgenau auch auf Entfernung Ihren Hund für neugieriges, nicht ängstliches Verhalten zu bestätigen (z.B. Annäherung an ein Objekt, vor dem er Angst hat).

Sein Sie kreativ. Sein Sie geduldig. Und wenn sich Ihr Hund vor einer im Wind knisternden herumliegenden Plastiktüte fürchtet, schauspielern Sie ruhig mal ein wenig und schleichen sich selbst skeptisch an das Objekt heran, umrunden Sie es und seufzen dann erleichtert auf. Lachen Sie! Ihr Hund wird Ihrem Urteil glauben, wenn die Bindung zu Ihnen stark ist.

Gerade der Bereich der Behandlung von Angst ist ganz essenziell mit der Bindung und dem Vertrauen zu Ihnen geprägt. Haben Sie erst einmal durch Spiel, positiven, freiwilligen Körperkontakt, Lob und souveränes Verhalten das Vertrauen Ihres Hundes erworben, stehen Ihnen viele Möglichkeiten offen.